Deutschland muss reformiert werden. Darin scheinen sich inzwischen fast alle einig zu sein.
Die Rente ist zu teuer. Die Pflege wird zu teuer. Die Krankenkassen werden zu teuer. Der Staat hat zu wenig Geld. Die Wirtschaft wächst zu langsam. Gleichzeitig fehlen Milliarden für Infrastruktur, Verteidigung, Bildung und was sonst noch dringend finanziert werden muss.
Also muss jemand verzichten.
Und damit beginnt eine interessante Frage:
Wer eigentlich?
Die üblichen Antworten
Wenn in Deutschland über notwendige Reformen gesprochen wird, dauert es meist nicht lange, bis dieselben Vorschläge auf dem Tisch liegen.
Wir müssen länger arbeiten.
Wir können nicht immer früher in Rente gehen.
Sozialleistungen müssen überprüft werden.
Pflegebedürftige und ihre Familien müssen vielleicht höhere Eigenanteile tragen.
Die Bürger müssen mehr Eigenverantwortung übernehmen.
Der Sozialstaat müsse sich wieder stärker auf diejenigen konzentrieren, die ihn „wirklich brauchen“.
Jeder einzelne dieser Vorschläge lässt sich diskutieren. Vielleicht ist manches davon sogar notwendig.
Merkwürdig ist nur, dass eine andere Frage wesentlich seltener mit derselben Selbstverständlichkeit gestellt wird:
Könnten vielleicht auch diejenigen etwas mehr beitragen, die sehr viel besitzen?
Plötzlich verändert sich die Sprache
Dann geht es nicht mehr um „Eigenverantwortung“.
Dann geht es um die „Belastungsgrenze“.
Nicht mehr um notwendige Einschnitte, sondern um den „Wirtschaftsstandort Deutschland“.
Nicht mehr darum, dass jeder seinen Beitrag leisten müsse, sondern darum, dass Kapital möglicherweise das Land verlässt.
Und spätestens wenn es um große Erbschaften und Unternehmensvermögen geht, wird aus einer Steuerfrage beinahe eine Frage des wirtschaftlichen Überlebens Deutschlands.
Das ist bemerkenswert.
Denn wer von seiner Arbeit lebt, kann seine Arbeit nicht einfach nach Luxemburg verlegen. Der Rentner kann seine Rente nicht auf die Cayman Islands verschieben. Eine Verkäuferin kann ihrem Finanzamt schlecht erklären, ihr Einkommen befinde sich derzeit aus steuerlichen Gründen in einer Holdinggesellschaft.
Große Vermögen besitzen dagegen Möglichkeiten, die normale Arbeitnehmer nicht besitzen.
Und genau deshalb müsste man eigentlich erwarten, dass eine Gesellschaft besonders genau hinsieht, wenn sehr große Vermögen übertragen werden.
Die Umkehrung der Argumentation
Stattdessen erleben wir regelmäßig eine erstaunliche Umkehrung der Argumentation.
Beim Arbeitnehmer heißt es:
Wir werden alle älter, deshalb musst du länger arbeiten.
Beim Rentner:
Es gibt weniger Beitragszahler, deshalb können Leistungen nicht unbegrenzt steigen.
Beim Pflegebedürftigen:
Die Pflege wird immer teurer, irgendwo muss das Geld herkommen.
Alles nachvollziehbare Argumente.
Aber warum lautet der entsprechende Satz beim Multimillionenerben nicht ebenso selbstverständlich:
Der Staat braucht Geld, und du hast gerade ein Vermögen erhalten, für das du nicht gearbeitet hast – deshalb wirst du einen Teil davon abgeben müssen?
Erben ist keine Leistung
Schon die Formulierung wirkt in Deutschland beinahe radikal.
Dabei ist die Erbschaft vermutlich diejenige Form des Vermögenszuwachses, bei der das Leistungsargument am wenigsten überzeugt.
Niemand sucht sich seine Eltern aus.
Wer zehn Millionen Euro erbt, hat dafür nicht zehn Millionen Euro mehr geleistet als jemand, der nichts erbt.
Natürlich gibt es gute Gründe, Familienbetriebe nicht durch eine Steuerzahlung in den Ruin zu treiben. Arbeitsplätze müssen geschützt werden. Ein Unternehmen ist nicht dasselbe wie zehn Millionen Euro auf einem Girokonto.
Aber zwischen dem Schutz eines funktionierenden Betriebes und der weitgehenden Schonung riesiger Vermögensübertragungen liegt ein gewaltiger Unterschied.
Gerade darüber wird derzeit wieder gestritten. Das Bundesverfassungsgericht hat am 13. Oktober 2026 über die Begünstigungen von Betriebsvermögen bei der Erbschaft- und Schenkungsteuer verhandelt.
Vielleicht sollten wir die Reihenfolge ändern
Das passt erstaunlich gut in unsere Zeit.
Denn gleichzeitig wird überall darüber gesprochen, dass Deutschland sparen müsse.
Vielleicht sollten wir deshalb die Reihenfolge unserer Fragen ändern.
Bevor wir fragen, ob jemand mit 67 noch ein Jahr länger arbeiten kann, könnten wir fragen, ob ein Erbe von 50 Millionen Euro tatsächlich besonders schutzbedürftig ist.
Bevor wir darüber diskutieren, ob eine Rentnerin ihre Medikamente, ihre Pflege oder ihre Wohnung noch bezahlen kann, könnten wir darüber sprechen, ob jedes große Vermögen zwingend in möglichst unverminderter Höhe an die nächste Generation weitergegeben werden muss.
Und bevor wir Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen erklären, dass der Staat nun einmal nicht alles finanzieren könne, sollten wir wenigstens prüfen, ob wir tatsächlich alle Einnahmemöglichkeiten ausgeschöpft haben.
Nicht alle Probleme lassen sich so lösen
Das bedeutet nicht, dass sich sämtliche Probleme durch höhere Steuern für Reiche lösen lassen.
Natürlich nicht.
Deutschland wird durch eine Vermögensteuer nicht plötzlich alle demografischen Probleme los. Eine höhere Erbschaftsteuer schafft keine zusätzlichen Pflegekräfte. Und auch ein Milliardär kann nicht zweimal besteuert werden, nur weil dem Staat das Geld ausgeht.
Darum geht es nicht.
Es geht um etwas viel Einfacheres:
Wer in einer Gesellschaft Opfer verlangt, muss erklären können, warum er sie von den einen verlangt und von den anderen nicht.
Wenn Verzicht notwendig ist, dann sollte Verzicht nicht immer zuerst dort gesucht werden, wo ohnehin wenig Spielraum vorhanden ist.
Vielleicht wäre das sogar eine ganz brauchbare Definition von sozialer Gerechtigkeit:
Nicht jeder muss gleich viel abgeben.
Aber jeder sollte entsprechend seiner Möglichkeiten beitragen.
Und wer sehr viel hat, hat nun einmal sehr viel mehr Möglichkeiten.
Die eigentliche Reformfrage
Die eigentliche Reformfrage lautet deshalb vielleicht gar nicht:
Wo können wir noch kürzen?
Sondern:
Warum fragen wir immer dieselben Leute, worauf sie noch verzichten können?