Es gibt Wörter, die eine Diskussion beenden sollen, bevor sie überhaupt begonnen hat. „Sozialneid“ ist so eines.

Wenn jemand fragt, warum ein Mensch Milliarden besitzen kann, während andere trotz Arbeit kaum ihre Miete bezahlen können, dauert es oft nicht lange, bis der Vorwurf fällt: Sozialneid. Wer eine stärkere Besteuerung großer Vermögen fordert, ist neidisch. Wer hohe Erbschaften besteuern will, ist neidisch. Wer sich daran stört, dass wirtschaftliche Macht sich über Generationen vererbt, ist ebenfalls neidisch.

Damit ist die Sache praktisch erledigt. Über die Verteilung des Reichtums muss nicht mehr gesprochen werden. Man hat aus einer politischen Frage eine Charakterschwäche gemacht.

Aber vielleicht suchen wir den Sozialneid die ganze Zeit am falschen Ende der Gesellschaft.

Neid braucht Nähe

Stellen wir uns einen Mann vor, der auf der Straße lebt. Wen beneidet dieser Mann?

Den Milliardär mit Privatjet, mehreren Villen und einer Yacht im Mittelmeer?

Wohl kaum. Die Lebenswelt dieses Milliardärs ist von seiner eigenen so weit entfernt, dass sie beinahe unwirklich geworden ist.

Stellen wir uns dagegen vor, ein anderer Mann schläft regelmäßig zwei Parkbänke weiter. Die beiden leben unter ähnlichen Bedingungen. Aber dieser andere kennt eine Frau aus der Nachbarschaft, die ihm jeden Abend eine Flasche Wein mitbringt.

Jetzt wird es interessant.

Warum bekommt der jeden Abend eine Flasche Wein und ich nicht?

Da ist er, der Neid.

Nicht auf den Milliardär. Auf den Mann zwei Parkbänke weiter.

Das Prinzip begegnet uns überall.

Der Angestellte mit einem VW Golf muss nicht neidisch auf den Besitzer einer 80-Meter-Yacht sein. Aber wenn der Nachbar plötzlich einen Mercedes vor der Tür stehen hat, obwohl beide ungefähr dasselbe verdienen, sieht die Sache anders aus.

Wo hat der das Geld her?

Der Kollege bekommt eine Gehaltserhöhung. Warum der und nicht ich?

Die Schwester erbt das Haus der Eltern. Warum sie und nicht ich?

Der Nachbar bekommt eine Förderung, auf die man selbst keinen Anspruch hat. Warum bekommt der etwas und ich nicht?

Es ist immer wieder dieselbe kleine, unangenehme Frage:

Warum der – und nicht ich?

Vielleicht liegt genau dort der Kern dessen, was wir Neid nennen. Wir vergleichen uns vor allem mit Menschen, die uns nahe genug sind, um überhaupt als Vergleich zu taugen.

Dreißig Milliarden sind kein Vergleich

Das Vermögen eines Multimilliardärs eignet sich für die meisten Menschen kaum noch als persönlicher Vergleich.

Was sollen 30 Milliarden Euro im Alltag überhaupt bedeuten?

Ein Mensch mit durchschnittlichem Einkommen kann diese Summe intellektuell verstehen. Er kann Nullen zählen. Aber sie gehört nicht mehr zu seiner eigenen Erfahrungswelt.

Er denkt nicht morgens: Wenn ich mich heute besonders anstrenge, könnte ich vielleicht in einigen Jahren ebenfalls 30 Milliarden besitzen.

Der Vergleich funktioniert nicht.

Beim Kollegen mit 300 Euro mehr Gehalt funktioniert er sehr wohl.

Das ist der entscheidende Unterschied.

Ein Normalverdiener, der die extreme Konzentration von Vermögen kritisiert, will deshalb nicht die Yacht des Milliardärs. Er will auch nicht dessen Villa mit 25 Schlafzimmern oder seinen Privatjet.

Er stellt eine politische Frage:

Ist es für eine Gesellschaft gut, wenn einzelne Menschen so viel Vermögen und damit potenziell so viel wirtschaftliche und politische Macht konzentrieren können?

Man kann diese Frage richtig oder falsch finden. Man kann für oder gegen Vermögensteuern sein. Man kann über Steuersätze, Eigentumsrechte, Investitionen und wirtschaftliche Folgen streiten.

Aber all das sind politische Argumente.

„Du bist doch nur neidisch“ beantwortet keines davon.

Ein erstaunlich wirksamer Kampfbegriff

Gerade deshalb ist „Sozialneid“ politisch so praktisch.

Der Begriff verschiebt die Diskussion.

Die ursprüngliche Frage lautet vielleicht:

Warum werden große Arbeitseinkommen anders belastet als bestimmte Vermögenseinkünfte?

Oder:

Wie viel Vermögen soll steuerfrei vererbt werden können?

Oder:

Ab welchem Punkt wird aus wirtschaftlichem Vermögen gesellschaftliche Macht?

Nach dem Vorwurf des Sozialneids lautet die Frage plötzlich:

Warum gönnst du diesem Menschen seinen Reichtum nicht?

Das ist ein bemerkenswerter Kunstgriff.

Aus einer Diskussion über gesellschaftliche Strukturen wird eine Diskussion über die moralische Beschaffenheit des Kritikers.

Nicht mehr die Vermögensverteilung muss begründet werden. Derjenige, der nach ihr fragt, muss begründen, dass er kein schlechter Mensch ist.

Drehen wir das Experiment einmal um

Nehmen wir nun einen Menschen aus der wirtschaftlichen Elite.

Er besitzt selbst bereits ein großes Vermögen und erbt weitere 100 Millionen Euro. Das ist auch die realistischere Konstruktion. Große Vermögen werden in aller Regel nicht an den Gärtner, die Haushaltshilfe oder einen zufälligen Bekannten vererbt, sondern innerhalb von Familien und damit häufig innerhalb derselben vermögenden gesellschaftlichen Schicht weitergegeben.

Unser Erbe hat diese zusätzlichen 100 Millionen nicht erarbeitet. Deshalb findet er zunächst auch eine erhebliche Erbschaftsteuer nicht grundsätzlich ungerecht.

Sagen wir, er müsste 20 Millionen Euro abgeben.

Er sagt sich:

Ich habe immer noch 80 Millionen mehr als vorher. Mehr Geld, als ich in meinem Leben vernünftig ausgeben kann. Die anderen 20 Millionen gehen an die Gesellschaft. Davon werden Schulen gebaut, Lehrer bezahlt, Straßen repariert, Krankenhäuser finanziert und Menschen unterstützt, die weniger Glück hatten als ich.

Unter dieser Vorstellung erscheint eine Erbschaftsteuer sogar moralisch befriedigend.

Doch dann betrachtet er die Sache aus seiner eigenen sozialen Perspektive.

Mit der Zahlung der 20 Millionen verringert er sein Vermögen gegenüber denjenigen, mit denen er sich tatsächlich vergleicht. Er sieht andere Menschen seiner wirtschaftlichen Umgebung, die ihr Vermögen durch günstigere Steuergestaltung erhalten, staatliche Förderungen für ihre Unternehmen bekommen oder auf andere Weise von politischen Entscheidungen profitieren.

Und plötzlich erkennt er: Durch sein eigenes Handeln – dadurch, dass er die Steuer bezahlt – könnte jemand aus seiner eigenen sozialen Umgebung relativ zu ihm vermögender werden.

Er gibt 20 Millionen ab.

Ein anderer Hundertmillionär behält seine 100 Millionen oder vermehrt sie.

Und jetzt taucht unsere alte Frage wieder auf:

Warum der – und nicht ich?

Sozialneid unter Millionären

Hier wird die Sache fast komisch.

Denn für den Hundertmillionär sind andere Hundertmillionäre genau das, was der Nachbar mit dem Mercedes für den Normalverdiener ist:

eine Vergleichsgruppe.

Ob jemand 80 oder 100 Millionen besitzt, verändert seinen täglichen Lebensstandard vermutlich weit weniger als der Unterschied zwischen 1.500 und 2.000 Euro Monatseinkommen.

Aber Vermögen ist ab einer bestimmten Größenordnung längst nicht mehr nur Konsum.

Es bedeutet Sicherheit, Einfluss, Möglichkeiten und Rang.

Der Hundertmillionär, der 20 Millionen Erbschaftsteuer bezahlt, erlebt nun genau das, was wir dem Normalverdiener gegenüber dem Milliardär ständig unterstellen:

Er sieht, dass jemand aus seiner eigenen sozialen Umgebung mehr hat als er.

Und er möchte nicht zurückfallen.

Vielleicht sitzt der klassische Sozialneid also gar nicht am unteren Ende der Gesellschaft. Vielmehr finden wir ihn dort, wo Menschen sich tatsächlich miteinander vergleichen – zum Beispiel im Golfclub.

Die Rückkopplung

Damit entsteht ein merkwürdiger Kreislauf.

Eine Gesellschaft lässt große Vermögen entstehen und wachsen.

Mit Vermögen wachsen wirtschaftlicher Einfluss und Möglichkeiten, politische Entscheidungen zu beeinflussen.

Der Staat trifft Entscheidungen, von denen wiederum große Vermögen profitieren.

Dadurch verliert der Staat ausgerechnet bei der Umverteilung an Glaubwürdigkeit.

Unser Erbe fragt sich nun:

Warum soll ich 20 Millionen an einen Staat abgeben, der mit diesem Geld Strukturen finanziert, von denen andere Menschen meiner eigenen Vermögensklasse stärker profitieren als ich?

Dann behalte ich das Geld lieber selbst.

Damit geschieht etwas Entscheidendes.

Die Verteilung nach oben liefert nun selbst ein Argument gegen die Umverteilung nach unten.

Der Staat benötigt Steuern, um gesellschaftliche Ungleichheit auszugleichen. Aber wenn derselbe Staat gleichzeitig den Eindruck erzeugt, wirtschaftlich Mächtige besonders zu schützen oder zu begünstigen, untergräbt er die Bereitschaft, genau diese Steuern zu akzeptieren.

Das ist die Rückkopplung.

Und sie hat eine bittere Pointe:

Je stärker Vermögende davon überzeugt sind, dass der Staat ohnehin Vermögende begünstigt, desto unvernünftiger erscheint es aus ihrer eigenen Perspektive, freiwillig zu denen zu gehören, die besonders viel an diesen Staat abgeben.

Gerechtigkeit ist nicht Neid

Dieses Gedankenexperiment behauptet nicht, dass jeder Vermögende so denkt. Das muss es auch nicht.

Es zeigt etwas anderes.

Neid ist keine politische Theorie.

Wenn ein Arbeitnehmer seinem Kollegen die Gehaltserhöhung missgönnt, nennen wir das Neid. Wenn jemand seinem Nachbarn den neuen Mercedes nicht gönnt, ebenfalls. Wenn aber ein Hundertmillionär nicht hinnehmen will, dass ein anderer Hundertmillionär nach Steuern relativ vermögender ist als er, wird plötzlich kaum noch von Sozialneid gesprochen. Dabei wäre der Begriff hier geradezu wörtlich zu nehmen: Neid innerhalb derselben sozialen Schicht.

Aber wenn jemand fragt, ob eine Gesellschaft dauerhaft funktionieren kann, in der Vermögen sich über Generationen immer stärker konzentriert, ist das zunächst eine politische Frage.

Wer diese Frage mit „Sozialneid“ beantwortet, hat sie nicht beantwortet.

Er hat nur das Thema gewechselt.

Vielleicht sollten wir deshalb beim nächsten Mal, wenn jemand das Wort Sozialneid benutzt, nicht sofort darüber diskutieren, ob arme Menschen den Reichen etwas wegnehmen wollen.

Wir sollten erst fragen:

Wen beneiden Menschen eigentlich wirklich?

Die Antwort lautet viel häufiger:

Nicht den Menschen ganz oben.

Sondern denjenigen neben sich.

Und dann suchen wir den Sozialneid ausgerechnet dort, wo er am leichtesten als politischer Kampfbegriff zu gebrauchen ist – und übersehen ihn dort, wo er tatsächlich entsteht:

innerhalb der eigenen sozialen Welt.

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