Nach Ansicht von Experten soll in westlichen Geheimdienstkreisen folgendes Szenario diskutiert werden.
Es betrifft Usbekistan.
Zwischen Moskau und Taschkent kommt es seit einiger Zeit zu Spannungen. Der Kreml wirft der usbekischen Regierung vor, nicht entschieden genug gegen Gruppen vorzugehen, die Russland als Bedrohung seiner nationalen Sicherheit betrachtet. Nach russischer Darstellung werden über usbekisches Gebiet Männer, Waffen und Sprengstoff transportiert, die später im Krieg gegen Russland eingesetzt werden sollen. Moskau spricht von Söldnern und Terroristen.
Zunächst bleibt es bei Vorwürfen. Russische Regierungsvertreter verlangen Aufklärung, Taschkent weist die Anschuldigungen zurück, Diplomaten geben Erklärungen ab. Dann tauchen die ersten militärischen Aufnahmen auf.
Zu sehen ist ein Kleintransporter auf einer Landstraße. Das Bild stammt offenbar von einem militärischen Aufklärungssystem. Der Wagen fährt durch eine weitgehend leere Landschaft. Einige Sekunden lang geschieht nichts. Dann schlägt ein Geschoss ein. Das Fahrzeug verschwindet in einer Explosion.
Wenig später erklärt das russische Verteidigungsministerium, man habe einen Transport von Söldnern, Waffen und Sprengstoff ausgeschaltet. Die Insassen seien auf dem Weg gewesen, Kräfte zu unterstützen, die gegen Russland kämpften.
Wer tatsächlich in dem Fahrzeug saß und was es transportierte, lässt sich von außen nicht überprüfen. Moskau veröffentlicht keine Beweise, anhand derer sich die Behauptung unabhängig nachvollziehen ließe. Ein Gerichtsverfahren hat es nicht gegeben. Niemand wurde festgenommen, niemand verhört.
Einige Tage später wird ein weiterer Transporter zerstört. Dann ein Geländewagen, danach wieder ein Kleinbus. Russland erklärt jedes Mal, es habe Personen oder Material ausgeschaltet, die unmittelbar mit terroristischen oder militärischen Aktivitäten gegen Russland verbunden gewesen seien.
Aus einzelnen Angriffen wird allmählich eine Kampagne. Mehr als dreißigmal greift Russland Fahrzeuge an. Mehr als hundert Menschen sterben.
Drei oder vier Menschen in einem Kleintransporter, einige Waffen, vielleicht Sprengstoff - das Bild wirkt plausibel. Genau das macht die Sache schwierig. Niemand außerhalb des russischen Sicherheitsapparates kann zuverlässig beurteilen, ob die Darstellung jeweils stimmt.
Der Kreml beharrt darauf, dass Russland sich verteidige. Wer Kämpfer und Waffen in einen Krieg gegen Russland schicke, könne nicht erwarten, unbehelligt zu bleiben. Doch damit stellt sich eine viel grundsätzlichere Frage: Wer entscheidet eigentlich, ob die Menschen in einem bestimmten Transporter tatsächlich Söldner oder Terroristen waren und ob sich tatsächlich Waffen oder Sprengstoff darin befanden?
In diesem Fall entscheidet es ausschließlich Russland. Derselbe Staat erhebt die Beschuldigung, bewertet seine eigenen Erkenntnisse und vollstreckt anschließend das Urteil.
Ankläger, Richter und Henker sind dieselbe Instanz.
Der Druck wächst
Bei den Angriffen auf Fahrzeuge bleibt es nicht. Moskau erhöht schrittweise auch den wirtschaftlichen Druck auf Usbekistan. Handelsbeziehungen werden erschwert, einzelne Unternehmen und Regierungsvertreter mit Sanktionen belegt, Transportwege behindert. Gleichzeitig verstärkt Russland seine militärische Präsenz in der Region.
Solche Maßnahmen wirken weniger spektakulär als die Bilder eines explodierenden Transporters. Ihre Folgen zeigen sich langsamer. Ein Exporteur bekommt seine Ware schwerer aus dem Land, ein Unternehmen wartet auf Ersatzteile, Banken werden vorsichtiger und internationale Geschäftspartner ziehen sich zurück. Einnahmen gehen verloren, Preise steigen. Was in Moskau als außenpolitisches Druckmittel beschlossen wird, kommt irgendwann bei den Menschen in Taschkent, Samarkand und Buchara an.
Die usbekische Regierung protestiert und verlangt ein Ende der Angriffe. Russland wiederum fordert umfassende Maßnahmen gegen die angeblichen Söldnernetzwerke und deren Unterstützer. Keine Seite gibt nach.
In westlichen Hauptstädten beginnt man inzwischen offen darüber zu diskutieren, wohin Putin eigentlich will. Sicherheitspolitiker warnen davor, die einzelnen Schritte isoliert zu betrachten. Erst die Angriffe auf angebliche Waffen- und Söldnertransporte, dann der wirtschaftliche Druck, anschließend die wachsende russische Militärpräsenz. Aus ihrer Sicht zeichnet sich ein Muster ab.
Von russischem Imperialismus ist die Rede.
Das Wort ist groß, doch die Frage dahinter ist erstaunlich schlicht: Darf eine militärisch weit überlegene Großmacht einen kleineren Staat so lange unter Druck setzen, bis dieser tut, was Moskau verlangt?
Der Präsident wird festgenommen
Eines Morgens ist aus dem Druck Krieg geworden.
Russische Streitkräfte greifen militärische Ziele in Usbekistan an. Flugzeuge bombardieren Stellungen und Kommunikationsanlagen, Spezialkräfte operieren am Boden. Innerhalb kurzer Zeit wird deutlich, dass die Operation ein besonderes Ziel besitzt: den usbekischen Präsidenten.
Russische Soldaten nehmen ihn fest und bringen ihn außer Landes. Wenig später befindet er sich auf dem Weg nach Moskau.
Russische Medien zitieren Putin, der die Operation als einen Akt der Strafverfolgung bezeichnet. Der usbekische Präsident habe terroristische und kriminelle Strukturen unterstützt und müsse sich wegen schwerer Straftaten vor einem russischen Gericht verantworten.
Auf den ersten Blick klingt das nach einem juristischen Vorgang. Ein Verdächtiger wird festgenommen und einem Gericht zugeführt. Nur hat Russland dazu seine Streitkräfte in ein anderes souveränes Land geschickt.
Genau an diesem Punkt wird aus der Frage nach Schuld oder Unschuld des Präsidenten eine andere Frage. Selbst wenn sämtliche russischen Vorwürfe zuträfen: Gibt einem Staat ein eigener Haftbefehl das Recht, militärisch in ein anderes Land einzudringen und dessen Staatsoberhaupt festzunehmen?
Völkerrechtler erinnern an das Gewaltverbot der Charta der Vereinten Nationen. Staaten dürfen grundsätzlich weder die territoriale Unversehrtheit noch die politische Unabhängigkeit eines anderen Staates mit militärischer Gewalt angreifen. Dafür existieren eng begrenzte Ausnahmen, insbesondere Selbstverteidigung und Maßnahmen aufgrund einer Ermächtigung des UN-Sicherheitsrates.
Ein Strafverfahren vor einem russischen Gericht gehört nicht dazu.
Man muss den usbekischen Präsidenten deshalb nicht mögen, um das Problem zu erkennen. Internationales Recht schützt nicht nur sympathische Regierungen. Es wäre wenig wert, wenn jeder mächtige Staat selbst bestimmen dürfte, welche ausländischen Präsidenten kriminell genug sind, um sie mit Spezialkräften abholen zu lassen.
Genau deshalb reagierte die internationale Gemeinschaft 1990 auf Saddam Hussein so eindeutig. Als der Irak in Kuwait einmarschierte, verurteilte der UN-Sicherheitsrat die Invasion und verlangte den sofortigen und bedingungslosen Rückzug. Über Saddams Motive konnte man streiten. Der Irak war nach dem Krieg gegen Iran hoch verschuldet, es gab massive Auseinandersetzungen um Öl, Fördermengen, Preise und territoriale Fragen. Nichts davon gab Saddam das Recht, einen kleineren Nachbarstaat militärisch zu überfallen.
Saddam durfte es nicht.
Für Putin muss derselbe Grundsatz gelten.
Nach dem Krieg kommt die Freundschaft
Nach der Festnahme des Präsidenten übernimmt in Taschkent eine Interimsregierung die Amtsgeschäfte. Das Land befindet sich in einer schwierigen Lage. Monate wirtschaftlichen Drucks haben Spuren hinterlassen, Unternehmen haben Absatzmärkte verloren, Investoren warten ab und die Bevölkerung spürt steigende Preise.
In Moskau verändert sich nun auffällig der Ton. Russische Politiker sprechen wieder von der historischen Verbundenheit beider Länder. Russland wolle Usbekistan stabilisieren, heißt es. Man habe kein Interesse an einem wirtschaftlich schwachen Zentralasien und sei bereit, beim Wiederaufbau zu helfen.
Eine hochrangige russische Wirtschaftsdelegation reist nach Taschkent. Es geht um Infrastruktur, Investitionen, Handelswege und schließlich auch um Rohstoffe. Davon besitzt Usbekistan einige. Das Land gehört zu den bedeutenden Produzenten von Gold und Uran und verfügt außerdem über erhebliche Kupfervorkommen. Russische Unternehmen zeigen besonderes Interesse an langfristigen Förder- und Nutzungsrechten.
Doch Putin liefert inzwischen noch eine ganz andere Begründung dafür, weshalb Russland bei diesen Rohstoffen besondere Ansprüche haben soll.
Er erinnert an die Sowjetunion.
Sowjetische Geologen hätten die Lagerstätten erkundet. Mit sowjetischem Geld seien Bergwerke erschlossen, Aufbereitungsanlagen errichtet, Straßen gebaut und ganze Industriestandorte geschaffen worden. Die gewaltige Goldlagerstätte Muruntau und die Bergbau- und Uranindustrie rund um Navoi wurden bereits in sowjetischer Zeit erschlossen und entwickelt.
Russland, argumentiert Putin, habe dafür über Jahrzehnte Milliarden Rubel investiert. Nach dem Zerfall der Sowjetunion habe Usbekistan die Anlagen, die Infrastruktur und letztlich auch den Zugang zu den Lagerstätten einfach übernommen. Was Russland aufgebaut habe, sei Russland genommen worden.
Die Reaktion westlicher Kommentatoren lässt sich leicht vorstellen. Die Sowjetunion war nicht Russland mit ein paar angeschlossenen Provinzen. Usbekistan war selbst eine Sowjetrepublik. Usbeken arbeiteten in diesen Betrieben, schufen Werte und waren Teil jenes Staates, der die Investitionen tätigte. Vor allem aber entstand 1991 ein souveränes Usbekistan. Aus der Tatsache, dass ein früherer gemeinsamer Staat vor Jahrzehnten ein Bergwerk gebaut hat, folgt kein russischer Eigentumsanspruch auf die Bodenschätze eines heute unabhängigen Landes.
Mit derselben Logik könnte Moskau Rechnungen für Kraftwerke, Eisenbahnstrecken und Fabriken an sämtliche ehemaligen Sowjetrepubliken schicken und anschließend behaupten, deren wirtschaftliche Substanz gehöre eigentlich Russland.
Typisch russischer Imperialismus.
Geschichte wird so lange umgedeutet, bis aus früherer politischer Macht heutiges Eigentum wird. Aus „Die Sowjetunion hat investiert“ wird „Russland hat bezahlt“, und aus „Usbekistan wurde unabhängig“ wird schließlich „Usbekistan hat uns bestohlen“.
Trotzdem sitzen russische Vertreter nun mit der usbekischen Interimsregierung am Verhandlungstisch. Moskau bietet Investitionen, neue Anlagen und Absatzmärkte an und verlangt dafür langfristigen Zugang zu Gold, Uran und Kupfer.
Dabei entsteht ein weiteres Problem. Usbekistans natürliche Ressourcen gelten nach seiner Verfassung als nationaler Reichtum und stehen unter staatlichem Schutz. Ausländische Unternehmen können selbstverständlich investieren und Förderrechte erhalten. Eine Konstruktion, die Russland darüber hinaus eine besondere Kontrolle über die Lagerstätten selbst verschaffen würde, könnte jedoch mit den bestehenden Eigentums- und Rohstoffregeln kollidieren.
Die neue Regierung müsste dafür möglicherweise ihre Gesetze ändern.
Unter normalen Umständen wäre das ein innenpolitischer Vorgang. Unter diesen Umständen wirkt es anders. Der Präsident des Landes sitzt nach einer russischen Militäroperation in Moskau, die Wirtschaft ist durch monatelangen Druck geschwächt, und ausgerechnet die Macht, die diesen Zustand herbeigeführt hat, bietet nun ihre Hilfe an - unter der Voraussetzung, dass sie langfristigen Zugang zu den wichtigsten Rohstoffen des Landes erhält.
Ein Verdacht
Und genau hier, sagen die Experten, diskutieren westliche Geheimdienstkreise einen bestimmten Verdacht.
Vielleicht ging es Putin nie ausschließlich um die angeblichen Söldner, Waffen und Sprengstoffe. Vielleicht lieferten diese Vorwürfe die Begründung für ein Vorgehen, bei dem wirtschaftliche Interessen von Anfang an eine größere Rolle spielten, als Moskau zugibt. Russland führt Krieg gegen die Ukraine - und der ist ausgesprochen teuer. Er verschlingt Geld, Devisen, industrielle Kapazitäten und Rohstoffe.
Nun befindet sich Russland plötzlich in einer Position, in der russische Unternehmen langfristigen Zugriff auf usbekisches Gold, Uran und Kupfer erhalten könnten. Der Verdacht ist naheliegend. Vielleicht waren die Söldner nicht der eigentliche Grund für Putins Vorgehen, sondern die Begründung, die man brauchte. Vielleicht ging es zumindest auch um Rohstoffe und um die Mittel, mit denen Russland seinen Krieg finanzieren kann.
Beweisen lässt sich das nicht. Niemand hat ein geheimes Kreml-Dokument vorgelegt, in dem steht, Usbekistan sei wegen seiner Bodenschätze angegriffen worden. Wir sehen lediglich eine Abfolge von Ereignissen und einen offensichtlichen wirtschaftlichen Vorteil.
Ein Verdacht ist kein Beweis.
Aber der Verdacht ist da.
Und selbst wenn er sich als falsch herausstellen sollte, würde das an der grundsätzlichen Bewertung wenig ändern. Ein Staat darf nicht Menschen aufgrund eigener Anschuldigungen töten, anschließend ein anderes Land militärisch angreifen, dessen Präsidenten festnehmen und danach aus der entstandenen politischen Abhängigkeit wirtschaftliche Vorteile ziehen.
Die Frage nach Putins Motiven ist interessant. Die Frage nach seinen Handlungen ist wichtiger.
Was bliebe vom internationalen Recht?
Spätestens jetzt ginge die Debatte weit über Usbekistan hinaus. Internationale Regeln haben ihren Sinn gerade darin, dass sie unabhängig davon gelten, welcher Staat sich auf Sicherheitsinteressen, historische Ansprüche oder wirtschaftliche Notwendigkeiten beruft.
Würde man Russland dieses Vorgehen zugestehen, müsste man erklären, weshalb China nicht dasselbe Recht besitzen sollte. Auch eine andere Großmacht könnte irgendwo eine Bedrohung ihrer nationalen Sicherheit feststellen, angebliche Terroristen identifizieren und militärisch gegen sie vorgehen. Sie könnte erklären, der Präsident eines kleineren Staates sei ein Krimineller, und daraus das Recht ableiten, ihn mit eigenen Soldaten festzunehmen. Und wenn in diesem Land interessante Rohstoffe liegen, ließe sich mit etwas historischer Fantasie vermutlich auch dafür eine passende Geschichte finden.
Das Problem wäre nicht, dass jede einzelne Begründung zwingend erfunden sein müsste. Vielleicht gäbe es tatsächlich Terroristen. Vielleicht wäre der Präsident tatsächlich korrupt oder kriminell. Vielleicht hätte die Großmacht vor Jahrzehnten tatsächlich Fabriken oder Straßen in diesem Land finanziert.
Keine dieser Tatsachen beantwortet die entscheidende Frage: Wer gibt ihr deshalb das Recht, ihre Interessen mit militärischer Gewalt durchzusetzen?
Wenn die Antwort darauf am Ende lautet „niemand, aber sie kann es“, haben wir die regelbasierte internationale Ordnung bereits verlassen. Dann entscheidet nicht mehr das Recht darüber, was ein Staat darf, sondern seine Fähigkeit, die Folgen eines Rechtsbruchs auszuhalten.
Bei Saddam Hussein haben wir dieses Prinzip verstanden. Bei einem russischen Angriff auf Usbekistan würden wir es ebenfalls verstehen. Wir würden über Souveränität sprechen, über das Gewaltverbot, über Imperialismus und über die Gefahr einer Welt, in der Großmächte ihre eigenen Regeln schreiben.
Und wir hätten damit recht.
Entwarnung
Putin hat das nicht getan.
Russland hat keine usbekischen Kleintransporter zerstört, weil sich darin angeblich Söldner, Waffen oder Sprengstoff befanden. Russische Spezialkräfte haben den Präsidenten Usbekistans nicht festgenommen und nach Moskau gebracht. Eine neue usbekische Regierung verhandelt nicht unter diesen Umständen mit Russland über Gold, Uran und Kupfer.
Es gibt diesen russischen Angriff auf Usbekistan nicht.
Auch die Experten, auf die wir uns am Anfang berufen haben, gibt es nicht. Uns hat niemand aus westlichen Geheimdienstkreisen von einem solchen Szenario berichtet. Wir haben die Experten erfunden, die Geheimdienstkreise und selbstverständlich auch Putin als handelnde Person in diesem Szenario.
Bis hierhin also tatsächlich Entwarnung. Putin hat all das nicht getan.
Die Geschichte allerdings haben wir nicht erfunden.
Sie ist geschehen.
Wir haben die handelnden Staaten und Personen ausgetauscht, die Fahrzeuge verändert und die jeweilige Begründung den politischen und geografischen Verhältnissen angepasst.
Aus Russland werden die Vereinigten Staaten. Aus Usbekistan wird Venezuela. Aus Wladimir Putin wird Donald Trump. Die Kleintransporter werden zu Booten, aus angeblichen Söldnern, Waffen und Sprengstoff werden angebliche Drogenschmuggler und Drogen.
Die Handlung selbst bleibt nahezu dieselbe. Und für die brauchen wir nun keine Experten und keine Geheimdienstkreise mehr. Wir brauchen nur die Nachrichten.
Was tatsächlich geschah
Im September 2025 begann das US-Militär, Boote in der Karibik und später auch im Pazifik anzugreifen. Washington erklärte, die Boote würden zum Drogenschmuggel benutzt und seien mit kriminellen beziehungsweise „narco-terroristischen“ Organisationen verbunden.
Es blieb nicht bei einem Angriff. Bis Anfang Januar 2026 hatte die Trump-Regierung mehr als dreißig Angriffe gegen mutmaßliche Drogenboote in der Karibik und im Pazifik durchführen lassen; mindestens 110 Menschen waren dabei getötet worden.
Die US-Regierung erklärte, wen sie dort bekämpfte und weshalb. Eine öffentlich nachvollziehbare Beweisführung, mit der sich für jeden einzelnen Angriff überprüfen ließ, wer sich auf dem jeweiligen Boot befand, was es transportierte und weshalb die Menschen an Bord ohne vorheriges Verfahren getötet werden durften, legte sie jedoch nicht vor. Spätere journalistische Recherchen fanden bei einzelnen Getöteten Hinweise auf eine Beteiligung am Drogenschmuggel. Das beantwortet allerdings nicht die Frage, auf welcher überprüfbaren Grundlage die Entscheidung zur Tötung jeweils getroffen worden war. Juristen stellten die Rechtmäßigkeit der Angriffe infrage.
Die Kleintransporter waren erfunden.
Die Methode war es nicht.
Parallel dazu verschärften die Vereinigten Staaten den wirtschaftlichen und militärischen Druck auf Venezuela. Sanktionen gegen die venezolanische Ölindustrie bestanden bereits seit 2019. Ende 2025 wurden weitere Maßnahmen ergriffen, Öltanker gestoppt oder beschlagnahmt und zusätzliche Schiffe sanktioniert. Am 16. Dezember ordnete Trump eine von ihm als „total and complete blockade“ bezeichnete Blockade sanktionierter Tanker an, die Venezuela anliefen oder verließen. Gleichzeitig hatten die Vereinigten Staaten erhebliche militärische Kräfte in der Region zusammengezogen.
Am 3. Januar 2026 griffen US-Streitkräfte Venezuela an. Amerikanische Spezialkräfte nahmen Präsident Nicolás Maduro und seine Frau Cilia Flores fest und brachten sie außer Landes. Maduro wurde in die Vereinigten Staaten gebracht, wo er sich wegen strafrechtlicher Vorwürfe verantworten soll.
Auch die Begründung kommt uns inzwischen bekannt vor. Die amerikanische Regierung stellte die Operation als Strafverfolgungsmaßnahme dar. Damit stand dieselbe Frage im Raum, die bei Putin so leicht zu beantworten gewesen war: Darf ein Staat seine Streitkräfte in ein anderes souveränes Land schicken und dessen Präsidenten festnehmen, weil seine eigene Justiz ihn eines Verbrechens beschuldigt?
Zahlreiche Völkerrechtler bezweifelten die Rechtmäßigkeit der Operation. Auch UN-Generalsekretär António Guterres äußerte Sorge darüber, dass die Regeln des internationalen Rechts bei der Operation nicht respektiert worden seien.
Nach Maduros Entfernung übernahm Delcy Rodríguez als Interimspräsidentin.
Und nun taucht in der wirklichen Geschichte etwas auf, das wir zuvor Putin in den Mund gelegt haben: das Öl.
Trump erklärte unmittelbar nach der Operation, Venezuela habe den Vereinigten Staaten beziehungsweise amerikanischen Unternehmen Eigentum genommen. Die amerikanische Ölindustrie habe Venezuela mit aufgebaut, argumentierte er; das sozialistische Regime habe sie den Amerikanern weggenommen. Einen Tag später sprach er davon, Venezuela habe „unser Öl“ genommen.
Dahinter steckt ein realer historischer Konflikt. Venezuela verstaatlichte seine Ölindustrie bereits 1976. Unter Hugo Chávez wurde die staatliche Kontrolle später weiter verschärft. Unternehmen wie ExxonMobil und ConocoPhillips akzeptierten die neuen Bedingungen nicht; Vermögenswerte ihrer Projekte wurden enteignet und es folgten langjährige Auseinandersetzungen um Entschädigungen.
Aber daraus folgt kein amerikanischer Eigentumsanspruch auf das Öl unter venezolanischem Boden.
Und genau hier begegnen wir unserer erfundenen russischen Argumentation wieder. Sowjetische Investitionen in Muruntau hätten Russland keinen ewigen Eigentumsanspruch auf usbekisches Gold gegeben. Ebenso wenig verwandeln amerikanische Investitionen in die venezolanische Ölindustrie die venezolanischen Erdölreserven in amerikanisches Eigentum.
Dass Unternehmen enteignet wurden und möglicherweise Anspruch auf Entschädigung besitzen, ist eine juristische Frage. „Ihr habt unser Öl gestohlen“ ist etwas anderes.
Nach der Festnahme Maduros sprach Trump sehr schnell über eine Rückkehr großer amerikanischer Ölunternehmen nach Venezuela. In den folgenden Monaten wurden daraus konkrete Verhandlungen.
Ende August 2026 wurde eine weitreichende Energievereinbarung bekannt. Trump erklärte am 28. August, die Vereinigten Staaten hätten gemeinsam mit privaten Unternehmen Mehrheitskontrolle über mehr als 65 Milliarden Barrel nachgewiesener venezolanischer Ölreserven gesichert - ungefähr ein Fünftel der nachgewiesenen Reserven des Landes. Die genaue rechtliche und finanzielle Konstruktion war zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig öffentlich geklärt; unter anderem war ein Leasingmodell diskutiert worden, dessen Vereinbarkeit mit venezolanischem Recht Fragen aufwarf.
Zwei Tage später erklärte Delcy Rodríguez, die Energievereinbarung solle 25 Jahre gelten. Sie umfasst zunächst die Entwicklung von 17 strategischen Ölfeldern und darüber hinaus weitere neue Fördergebiete. Gleichzeitig betonte Rodríguez ausdrücklich, Venezuela behalte Eigentum und Souveränität über seine natürlichen Ressourcen.
Das ist eine wichtige Einschränkung. Es wäre falsch, daraus schlicht zu machen: Die Vereinigten Staaten besitzen jetzt venezolanisches Öl. Ebenso wenig wissen wir heute, wie sich Investitionen, Einnahmen und Risiken langfristig verteilen werden.
Wir wissen auch nicht, ob Donald Trump bereits zu Beginn dieser Entwicklung vorhatte, amerikanischen Unternehmen langfristigen Zugriff auf venezolanisches Öl zu verschaffen.
Aber erinnern wir uns an die Experten, die wir erfunden haben.
Bei Putin ist ihr Verdacht naheliegend. Russland führt einen ausgesprochen teuren Krieg gegen die Ukraine, setzt ein rohstoffreiches Land militärisch und wirtschaftlich unter Druck, entfernt dessen Präsidenten und erhält anschließend Zugang zu strategisch wichtigen Rohstoffen. Niemand hätte ein geheimes Kreml-Dokument gebraucht, um wenigstens die Frage zu stellen, ob Gold, Uran und Kupfer bei Putins Entscheidungen eine Rolle gespielt haben.
Warum sollte dieselbe Frage bei Trump unzulässig sein?
Die zeitliche Abfolge beweist nicht, dass Venezuela wegen seines Öls angegriffen wurde. Wer das behauptet, behauptet mehr, als sich derzeit belegen lässt. Aber Trump sprach bereits unmittelbar nach der Operation davon, amerikanische Ölunternehmen sollten Milliarden investieren, Venezuelas Ölindustrie wieder aufbauen und dort Geld verdienen. Wenige Monate später verkündete er die Mehrheitskontrolle über mehr als 65 Milliarden Barrel venezolanischer Reserven.
Das beweist kein Motiv. Es begründet einen Verdacht - nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Und dieselbe intellektuelle Redlichkeit, mit der wir uns geweigert haben, den Verdacht gegen Putin zum Beweis zu erklären, müssen wir nun auch Trump zugestehen. Wir wissen nicht, ob es ihm von Anfang an um das Öl ging.
Bei den Handlungen selbst ist die Sache einfacher. Dafür müssen wir keine Gedanken lesen.
Wenn wir von Putin Beweise verlangt hätten, bevor er Menschen in Kleintransportern töten lässt, müssen wir fragen, auf welcher überprüfbaren Grundlage amerikanische Streitkräfte Menschen in Booten getötet haben. Wenn wir Putins Einmarsch in Usbekistan am Gewaltverbot der Vereinten Nationen gemessen hätten, müssen wir den amerikanischen Angriff auf Venezuela an demselben Gewaltverbot messen. Und wenn wir eine russische Behauptung, Usbekistan habe Russland um seine Rohstoffe bestohlen, als imperialistische Umdeutung der Geschichte zurückgewiesen hätten, können wir nicht plötzlich vergessen, wem die Bodenschätze Venezuelas gehören, nur weil amerikanische Unternehmen dort einmal viel Geld investiert haben.
Natürlich sind Russland und die Vereinigten Staaten nicht dasselbe. Putin und Trump sind nicht dieselbe Person, Usbekistan und Venezuela nicht dasselbe Land, und kein historischer Vorgang ist die exakte Kopie eines anderen.
Darum geht es nicht.
Es geht darum, ob die Regeln dieselben bleiben, nachdem wir die Namen ausgetauscht haben.
Auf den ersten Seiten dieses Essays wussten wir ziemlich genau, wie wir Putins Vorgehen beurteilen. Wir brauchten dafür keine lange Diskussion darüber, ob der usbekische Präsident ein guter Mensch ist oder ob Russland möglicherweise berechtigte Sicherheitsinteressen besitzt. Eine Großmacht hatte Menschen aufgrund eigener Beschuldigungen getötet, einen schwächeren Staat militärisch unter Druck gesetzt, dessen Präsidenten festgenommen und anschließend wirtschaftliche Interessen verfolgt.
Unser Urteil fiel erstaunlich leicht.
Dann haben wir die Namen ausgetauscht. Die Geschichte selbst hat sich dadurch nicht verändert.
Wenn sich nun unser Urteil ändert, sollten wir uns weniger mit der Frage beschäftigen, welcher der beiden Präsidenten uns sympathischer ist, als mit der Frage, welchen Wert unsere Prinzipien tatsächlich besitzen.
Denn ein moralischer Maßstab, der sich mit der Nationalflagge ändert, ist kein moralischer Maßstab.
Quellen und Hinweise
- Reuters: Mehr als 30 US-Angriffe auf mutmaßliche Drogenboote, mindestens 110 Tote
- Reuters, 28. August 2026: US-Venezuela-Ölvereinbarung und 65 Milliarden Barrel
- Reuters, 30. August 2026: Rodríguez nennt 25 Jahre Laufzeit und 17 strategische Ölfelder
- FactCheck.org: Einordnung von Trumps Behauptung, Venezuela habe „unser Öl“ gestohlen
- Vereinte Nationen: UN-Charta, insbesondere Artikel 2 Absatz 4
- UN-Sicherheitsrat: Resolution 660 (1990) zur irakischen Invasion Kuwaits
- U.S. Geological Survey: Bergbau und Rohstoffe Usbekistans
- Verfassung Usbekistans, Artikel 68: natürliche Ressourcen als nationaler Reichtum
Hinweis: Der erste Teil dieses Essays ist ein bewusst konstruiertes Gedankenexperiment. Der russische Angriff auf Usbekistan, die angeblichen Geheimdienstinformationen und die darin beschriebenen russischen Maßnahmen haben nicht stattgefunden. Die anschließende Venezuela-Passage bezieht sich auf reale Ereignisse und öffentlich berichtete Aussagen.